Thursday, August 03, 2006

Die Wilde Schafsjagd von Haruki Murakami

Durch die Ohren kroch die Dunkelheit in mich hinein wie Öl. Jemand versuchte, mit einem Riesenhammer die zu Eis erstarrte Erde zu zetrümmern. Der Hammer schlug genau achtmal zu. Aber die Erde zerbrach nicht. Sie bekam nur ein paar Risse. [...]
Ich setzte mich noch einmal aufs Sofa und suchte die Bruchstücke meines Lebens zusammen. Glanzstücke waren es nicht, aber immerhin kam mein Leben dabei heraus. Nach und nach fand ich wieder zu mir selbst. Jemandem zu erklären, daß ich ich selbst bin, ist nicht einfach. Aber vermutlich will das gar niemand wissen. [...]
Die Zeit verging. Die Partikel der Dunkelheit malten mir wundersame Bilder auf die Netzhaut. Nach einer Weile fielen sie lautlos in sich zusammen und neue entstanden. Der Raum ruhte wie Quecksilber; nur die Dunkelheit bewegte sich.

***
“Ich hab dich gesucht”.
“Weiß ich. Hab dich suchen sehen”.
“Warum hast du mich denn nicht gerufen?”
“Dachte, du willst mich allein finden, deshalb.”

***
Was geschehen ist, ist ohne Zweifel schon geschehen, was noch nicht geschehen ist, ist ohne Zweifel noch nicht geschehen. Wir leben, mit anderen Worten, im Augenblick, mit dem “Alles” im Rücken und vor uns dem “Nichts”, ohne Zufälle, ohne Möglichkeiten.
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"Hast du schon mal den Wunsch gehabt, mich umzubringen?" fragte sie.
"Dich?"
"Ja."
"Wieso fragst du das?"
"Nur so."
"Nein, hab ich nicht", sagte ich.
"Wirklich nicht?"
"Wirklich nicht. Warum sollte ich dich unbedingt umbringen wollen?"
"Auch wieder wahr", mußte sie zugeben. "Ich dachte nur, wäre nicht schlecht, wenn mich jemand umbrächte. Wenn ich grad fest schlafe oder so."
"Ich bin doch nicht der Typ, der Leute umbringt!"
"Nicht?"
"Ich glaube nicht."

Sunday, June 04, 2006

Windows on the World von Frédéric Beigbeder

Warum wollen wir alle Künstler sein? Alle Menschen meines Alters, denen ich begegne, schreiben, spielen, singen, drehen, malen, komponieren. Suchen sie nach Schönheit oder Wahrheit? Das ist nur ein Vorwand. In Wirklichkeit wollen sie berühmt sein. Wir wollen berühmt sein, weil wir geliebt werden wollen. Wir wollen geliebt werden, weil wir verletzt sind. Wir wollen eine Bedeutung haben. Zu etwas nütze sein. Etwas sagen. Eine Spur hinterlassen. Nicht mehr sterben. Die fehlende Bedeutung kompensieren. Wir wollen nicht mehr absurd sein. Kindermachen allein genügt uns nicht. Wir wollen interessanter sein als unser Nachbar, der ebenfalls ins Fernsehen will. Das ist das Neue an der Sache: Auch unser Nachbar will interessanter sein als wir.

Friday, May 19, 2006

Neununddreißig neunzig von Frédéric Beigbeder

Das ist das Problem mit dem Pariser Kokain: Es ist so gestreckt, dass man ziemlich robuste Schleimhäute braucht. Ich merkte, wie das Blut in meine Nase schoss, zog es hoch, sprang auf, rannte aufs Klo, und dort pisste es aus meiner Nase wie noch nie, alles war voller Blut, der Spiegel, mein Hemd, die Handtuchrolle, die Fliesen. Zum Glück kam gerade keiner, ich schaute in den Spiegel und sah mein blutverschmiertes Gesicht, alles rot, das Kinn, der Mund, der Kragen, das Waschbecken und meine Hände - jetzt wars soweit, sie hatten gewonnen, ich hatte buchstäblich Blut an den Händen - das brachte mich auf eine Idee, also habe ich "Pigs" an ihre Toilettenwände geschrieben, "PIGS" an die Tür, dann raus auf den Flur, pigs auf der Wandverkleidung, pigs auf dem Teppich, pigs im Aufzug, dann bin ich geflüchtet, doch die Überwachungskameras müssen diesen glorreichen Moment verewigt haben - den Tag, an dem ich den Kapitalismus mit meinem Blut taufte.

Monday, May 15, 2006

Elf Minuten von Paulo Coelho

Heute bin ich überzeugt, dass man niemanden verlieren kann, ganz einfach weil man niemanden besitzt. Das ist die wahre Erfahrung von Freiheit: das Wichtigste auf der Welt zu haben, ohne es zu besitzen.
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Die Leidenschaft liegt in der Erregung, die das Unerwartete hervorruft, in dem Wunsch, etwas mit Hingabe zu tun, in der Gewißheit, dass es einem gelingen wird, einen Traum zu verwirklichen.
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Man kann zum Frühling nicht sagen, ‘hoffentlich kommst du bald und dauerst lange’. Man kann nur sagen: ‘Komm und segne mich mit deiner Hoffnung, und bleib so lange wie du kannst’.

The House on Mango Street von Sandra Cisneros

you could close your eyes and you wouldn’t have to worry what people said because you never belonged here anyway and nobody could make you sad and nobody would think you’re strange because you like to dream and dream. and no one could yell at you if they saw you out in the dark leaning against a car, leaning against somebody without someone thinking you are bad, without somebody thinking it is wrong, without the whole world waiting for you to make a mistake when all you wanted, all you wanted, Sally, was to love and to love and to love and to love, and no one could call that crazy.

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everything is holding its breath inside me. everything is waiting to explode like christmas. i want to be< all new and shiny. i want to sit out bad at night, a boy around my neck and the wind under my skirt.
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you all see that cloud, that fat one there? Darius said, See that? Where? That one next to the one that looks like popcorn. That one there. See that. That’s God, Darius said. God? somebody little asked. God, he said, and made it simple.
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Marin, under the streetlight, dancing by herself, is singing the same song somewhere. I know. Is waiting for a car to stop, a star to fall, someone to change her life.
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you can never have too much sky. you can fall asleep and wake up drunk on sky, and sky can keep you safe when you are sad. here there is too much sadness and not enough sky.

Völker dieser Welt, relaxt! von Tom Robbins

Die Dinge krallen sich wie Blutegel an die Seele der Menschen, und dann saugen sie ihnen alle Lust aus, die Musik und die ursprüngliche Freude darüber, unbehindert auf der Welt zu sein.
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Es gibt Geburt, es gibt Tod, und dazwischen gibt es Wartung.
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Manchmal packt uns das Schicksal wie die Faust einen Türknauf. Natürlich könnten wir Widerstand leisten. Aber ein Knauf, der sich nicht drehen lässt, eine Tür, die klemmt und ums Verrecken nicht nachgeben will, macht die Götter rasend vor Wut. Sie könnten sie eintreten. Noch schlimmer, sie könnten sich empört aus dem Staub machen und uns zwischen Tür und Angel baumeln lassen. Und damit wäre jede Chance, sich unnötigen Risiken und damit dem Zauber des Lebens zu öffnen, ein für alle Mal dahin.
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Holla! Selbstachtung ist was für Weicheier. Finde dich damit ab, dass du ein Pickel bist, und versuch es mit Humor zu ertragen. Auf diese Weise kommst du zu Anstand und vielleicht sogar zu Ruhm.
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…aber wenn man vor dem Nichts steht, ist man bei der endgüliten Realität angekommen. Dann, und nur dann verspürst du die wahre Natur des Universums, nur dann hast du dich in das absolute Absolute eingeklinkt, Alter, und wenn du dich nicht damit zufrieden geben willst, dir dein Leben lang was vormachen zu lassen, ist es das Einzige, in das du dich wirklich einklinken solltest.

Bonjour Tristesse von Francoise Sagan

“…Du siehst aus wie…ein Kind. Übrigens hast du tatsächlich deine Kindheit nie verlassen, sie marschiert neben dir her, ruhig, keusch, fern, wie ein Doppelleben. Deine Versuche, dem wirklichen Leben nahezukommen, sind recht unfruchtbar, nicht wahr…”

Stilleben mit Bügeleisen von Haruki Murakami

"Hier drinnen gibt es wirklich nichts", sagte Junko viel später mit heiserer Stimme. "Totale Leere."
"Ich weiß, wovon du redest."
"Wirklich?"
"Ja. Damit kenne ich mich aus."
"Was soll ich nur tun?"
"Einmal richtig ausschlafen. Meistens geht es danach besser."
"So einfach ist es bei mir nicht."
"Kann sein, Jun. Wahrscheinlich nicht."
..
"Also, was soll ich tun?",fragte Junko.
"Tja..was? Du könntest jetzt mit mir zusammen sterben."
"Einverstanden. Sterben wir."
"Im Ernst?"
"Im Ernst."

After Dark von Haruki Murakami

Offenbar hat sich der Kreis geschlossen, das Außergewöhnliche ist spurenlos beseitigt, ein Mantel hat sich über das Chaos gelegt, und alles ist wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückgekehrt. Um uns her reichen sich Ursache und Wirkung die Hand, Synthese und Auflösung befinden sich im Gleichgewicht. Schließlich hat sich alles an einem unerreichbaren Ort abgespielt. In der Zeit zwischen Mitternacht und den ersten hellen Streifen am Himmel tut sich die dunkle Pforte dieses Ortes auf, an dem unser rationales Denken außer Kraft gesetzt ist. Niemand kann voraussehen, wann und wo sein Abgrund einen Menschen verschlingen und wann und wo er ihn wieder ausspucken wird.

Friday, May 12, 2006

Alles ist Erleuchtet von Jonathan Safran Foer

1.
"Oft kommt der Anfang der Welt."

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"Bitte sei wahrheitlich, aber bitte sei auch gütig, bitte."

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"Vor vier Nächten träumte ich von Uhrzeigern, die wie Regen aus dem Weltall zu Boden fielen, vom Mond, der wie ein grünes Auge aussah, von Spiegeln und Insekten, von einer Liebe, die nie verging. Es war nicht das Gefühl der Vollständigkeit, das ich so sehr brauchte, sondern das Gefühl, nicht leer zu sein. Der Traum endete, als ich spürte, dass mein Mann in mich eindrang."

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"Es fühlt sich an wie eine Szene, die ich schon tausendmal erlebt habe: Alles ist vertraut, bis hin zum Augenblick des Todes, und wird sich unzählige Male wiederholen - wir werden uns kennen lernen, heiraten, Kinder bekommen, wir werden die Erfolge haben, die wir gehabt haben, alles wird immer so sein, wie es war, und ich werde immer unfähig sein, irgendetwas zu ändern. Wieder bin ich an der tiefsten Stelle eines sich unaufhaltsam drehenden Rades, und als ich die Augen schließe, um zu sterben, wie ich es tausendmal getan habe und tun werde, wache ich auf."

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"In einer tiefen Backform bereitete er ein Bett aus zerknüllten Zeitungen, legte das Kindchen hinein und schob es vorsichtig in den Ofen, damit das Geräusch des kleinen Wasserfalls draußen es nicht beunruhigte. ... Wenn er sie auf den Arm nahm, um sie zu füttern oder einfach nur zu halten, war ihr Körper mit Sätzen aus den Zeitungen tätowiert. ... Manchmal wiegte er die Kleine in den Schlaf und las sie von Anfang bis Ende, und dann wußte er alles, was er über die Welt wissen musste. Wenn es nicht auf dem Kindchen geschrieben stand, war es für ihn ohne Bedeutung."